Erinnerung an die Marie A.

Strophe 1:
An jenem Tag im blauen Mond September
still unter einem jungen Pflaumenbaum,
da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe,
in meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
war eine Wolke, die lange sah,
sie war sehr weiß und ungeheuer oben,
und als ich aufsah, war sie nimmer da.

Strophe 2:
Seit jenem Tag sind viele, Monde
geschwommen still hinunter und vorbei.
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen,
und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern,
und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, daß weiß ich wirklich nimmer,
ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

Strophe 3:
Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen,
wenn nicht die Wolke dagewesen wär,
die weiß ich noch und wird ich immer wissen,
sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer,
und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind,
doch jene Wolke blühte nur Minuten,
und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

 

SongInfo

Musik: Karl Haas
Text: Bertold Brecht
Releases: xIs
2013 auf unserer Webseite (Vocals recorded at „Otterbau Studios“)
Länge: ca. 4:54 min